Es war die Zeit als die Bison noch die Prärie bevölkerten, da lebte in einem Lager eine alte Frau, die nichts besaß außer ihrem Enkel. Dieser Junge war freundlich und hilfsbereit, aber leider wollte niemand etwas mit ihm zu tun haben, denn er hatte kein Pferd noch Kriegsschmuck und lebte von dem, was andere fortwarfen oder übrig ließen. Jedes Mal, wenn das Lager wechselte, suchte der Junge zusammen mit der alten Frau den Lagerplatz ab und sammelte, was brauchbar erschien. So lebten die beiden, von den anderen gemieden und verachtet.

Eines schönes Tages, als sie wiedermal die letzten waren, weil sie ihre Habseligkeiten selbst tragen mussten, stand am Wege plötzlich ein altes Pferd, das sehr herunter gekommen aussah und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. So wie es aussah, hat es ein anderer vom Stamm zurückgelassen, weil es zu alt war, um mit den übrigen Schritt zu halten. Das Tier bot einen wirklich schrecklichen Anblick, ein Auge schien blind zu sein, das andere starrte glanzlos und unbeteiligt, der Rücken war voller Schriemen und die Rippen schienen fast durch das struppige Fell zu kommen.

„Nun“, sagte die alte Frau und musterte das Pferd misstrauisch, „unsere paar Sachen wird er hoffentlich noch tragen können.“ So packte sie dem Pferd ihre schmales Bündel auf den Rücken und machte sich daran, das alte Pferd anzutreiben.

Als es Abend wurde, hatten sie endlich die anderen eingeholt. Dort, wo der große Felsen ins Wasser ragt und der Fluss sich nach Norden wendet, stand auch diesmal wieder das Lager, denn seit alters her war hier ihr Lagerplatz für die herbstliche Bisonjagd. Von hier zogen die einzelnen Gruppen in die Prärie, um Beute zu machen für den Winter. Als die alte Frau mit dem Jungen und dem alten Pferd durchs Lager kamen, wunderten sich die Menschen, dass das alte Pferd noch nicht tot umgefallen war. Schon immer war der Junge dem Spott der anderen ausgesetzt, aber nun, seitdem er das Pferd hatte, schien es nur noch schlimmer zu sein. Früher lachte man wohl über seine ärmliche und zerrissene Kleidung, jetzt aber hielten sich die Krieger den Bauch vor Lachen, wenn sie den Jungen auf dem halb toten Pferd kommen sahen. Am nächsten Morgen kamen die Späher zurück und berichteten von einer großen Bisonherde mit einem weißen Kalb. Als der Häuptling das hörte, versprach er dem Jäger, der ihm das weiße Kalb bringe, dass dieser seine Tochter zur Frau haben könne. Denn eine weiße Bisonhaut ist Tiwar-uks-ti, Große Magie. Während die Krieger sich fertig machten zur Jagd, bestieg auch der Junge sein altes Pferd, nahm die alte Bisonlanze zur Hand und ritt am Schluss des Zuges zum Lager hinaus. Die Krieger ritten ihre besten Pferde und als sie den Jungen mit seinem alten Pferd bemerkten, riefen sie: „Schaut! Dort ist das Pferd, das das weiße Fell heimtragen wird“! Dabei lachten sie aus vollem Halse. Der Junge aber blieb zurück, um das Gerede nicht hören zu müssen. Nach einer Weile hatte er die Krieger aus den Augen verloren und ritt alleine auf die Bisonherde zu. Da begann das alte Pferd plötzlich zu sprechen und sagte: „Reite mich an den Bach dort und bedecke mich mit Schlamm.“ Als er das Pferd über und über mit Schlamm beschmiert hatte, sagte das Pferd: „Steig auf, bleib aber hier am Bach, bis ich dir ein Zeichen gebe. Reite nicht den Kriegern nach, die sich über dich lustig machen“. Unterdessen waren die Krieger an einem Hügel angekommen, von wo man die Bisonherde übersehen konnte. In einer langen Reihe warteten die Krieger hinter dem Hügel, bis der Häuptling das Zeichen gab. Selbst die Pferde schienen zu wissen, um was es heute ging, sie waren nämlich kaum zu halten. Aber nach einer Weile gab der Häuptling das Zeichen, „vorwärts!“ Und aus dem Stand gingen die Pferde in den Galopp über, zu beiden Seiten des Hügels brachen die Krieger hervor, um die Bisonherde einzukreisen.

Plötzlich sahen sie von der entgegengesetzten Seite einen Reiter auf einem braunem Pferd über die Prärie galoppieren! In Windeseile flogen Pferd und Reiter auf die Bisonherde zu, einen Augenblick später waren beide zwischen den Leibern der Bisons verschwunden. Da tauchte der Reiter über den Rücken der Bisons auf, die Lanze blitzte in der Sonne und dann war das weiße Kalb nicht mehr zu sehen! Erschrocken setzten sich die Bisons in Bewegung. Donnernd raste die Herde vorbei, während der einsame Reiter zwei weitere Bisons zu Boden streckte. Dann sahen die Krieger ihn absteigen. Als der Reiter bei den Bisons war begann er das weiße Kalb auszuweiden und abzuhäuten. Sein Pferd aber stand dabei, den Kopf erhoben, vom alten Pferd war nichts mehr zu sehen, jung und feurig, mit geradem Rücken stand der Braune da.

Der Junge belud das Pferd mit dem Fleisch, legte die weiße Bisonhaut zuoberst und führte sein Pferd zum Lager zurück. Da überholte ihn ein junger Krieger, der meinte zu dem Jungen: „Ich gebe dir zwölf Pferde für deine Beute“, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Tochter des Häuptlings zu heiraten. Der Junge aber lachte ihn aus und lehnte das Angebot von zwölf Pferden ab.

Im Lager hatte sich inzwischen die Nachricht vom Erfolg des Jungen verbreitet und einer der Krieger meinte zu der alten Frau: „Dein Enkel hat das weiße Kalb erlegt.“ Aber die alte Frau schenkte ihm keine Beachtung und glaubte nicht, was er sagte. Sie dachte, dass man sie nur verspotten wolle. „Warum ärgerst du mich mit solchen Aussagen?“ sagte sie. „Was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst?“ Selbst als ein zweiter Krieger mit der gleichen Nachricht zu ihr kam wollte sie es nicht glauben. Erst als die gleiche Geschichte zum dritten Male ihr zugetragen wurde, sagte sie nur: „Lasst uns doch in Frieden!“ Sie verteidigte ihren Enkel: „Der Junge kann ja nichts dazu, dass wir so arme Menschen sind!“ Plötzlich stand der Junge vor ihr. „Hier“, sprach er, „ich habe uns etwas Tolles mitgebracht. Heute und morgen brauchen wir nicht zu hungern“. Dann begannen sie das Pferd abzuladen, was eigentlich Frauensache war. Die alte Frau konnte nicht glauben, was sie sah, sie wunderte sich über die plötzliche Veränderung des Pferdes, immer wieder fragte sie, ob das auch das gleiche Pferd sei. In der darauffolgenden Nacht begann das Pferd wieder zu sprechen: „Morgen früh kommen die Lakota, um das Lager anzugreifen. Wenn du die Krieger des Feindes kommen siehst, dann nimm mich und reite mitten in sie hinein. Hab keine Angst, denn nichts wird dir passieren, wenn du dort bist, wirst du den Häuptling der Lakota finden und töten. Viermal darfst du unbeschadet angreifen, dann aber bleibe zurück. Wenn du es ein fünftes Mal versuchst, so wirst du selbst getötet oder aber mich verlieren.“ Als der Morgen anbrach kamen die Wachen ins Lager und gaben Alarm. Vor dem Lager sah man die Lakota kommen, laut durchschnitt ihr Kriegsgeschrei die Morgenluft. Die Pawnees hatten kaum Zeit, ihre Schlachtlinie zu formieren, als der Junge auf seinem Pferd bereits vorpreschte, den Tomahawk in der Hand. Als die Lakota sahen, dass der einzelne Reiter es auf den Kriegshäuptling abgesehen hatte, überzogen sie ihn mit einem Hagel von Pfeilen. Doch unversehrt erreichte der Junge den Häuptling und ritt wenige Augenblicke später zu den eigenen Reihen zurück, einen frischen Skalp am Gürtel. Dreimal noch stürmte er in das Gewühl und jedesmal erbeutete er einen Skalp. Als er zum fünften Mal angriff, brach das Pferd unter ihm im Pfeilhagel zusammen und der Junge rettete nur knapp sein eigenes Leben. Die Lakota aber, die wohl ahnen mochten, dass es mit dem Pferd eine besondere Bewandtnis haben müsse, schnitten dieses in kleine Stücke, die sie überall verstreuten. Erst am Abend zogen sich die Lakota zurück.

Als der nächste Tag anbrach suchte der Junge nach der Stelle, an der sein Pferd zusammengebrochen war. Als er sie schließlich gefunden hatte, sammelte er alle Reste, die er finden konnte, legte sie auf einen Haufen und ging anschließend auf einen Hügel, der in der Nähe des Schlachtfeldes lag. Dort zog er seinen Umhang aus Bisonleder über den Kopf und trauerte um sein Pferd. Selbst als es zu regnen begann, achtete er nicht auf das Gewitter, sondern behielt die Überreste seines Pferdes im Auge. Als es Nacht wurde kam ein zweites Gewitter auf und wieder prasselte der Regen nieder. Der Junge aber hatte nur Augen für sein Pferd. Als ein drittes Gewitter so starken Regen brachte, dass man kaum die Hand vor Augen sah, schien es als habe sich der Knochenhaufen des Pferdes verändert. Von der Stelle, wo der Junge saß, sah es so aus, als ob dort ein Pferd lag, aber das konnte auch eine Täuschung sein. Während ein viertes Gewitter begann, sah der Junge auf dem Hügel, wie sein Pferd plötzlich aufstand und zu ihm schaute! Der Junge lief sofort durch den Regen zu seinem Pferd und als er es schließlich erreichte, hörte er es sagen: „Jetzt weißt du, wie du dich zu verhalten hast. Der Große Geist hat mich zurück geschickt, um an deiner Seite zu sein, um dich daran zu erinnern, dass du alles machst, was ich dir auftrage. Wenn du aber nicht auf mich hörst, wirst du mich wieder verlieren.“

Der Junge hörte auf den Rat und tat fortan nichts, was ihm nicht von seinem Pferd gesagt wurde.

Die Tochter des Häuptlings wurde seine Frau und später wählten die Pawnee ihn zum Häuptling. Das Pferd aber hielt er in Ehren, nur an besonderen Tagen ritt er auf ihm durchs Lager. Viele Jahre war der Junge, der nun ein Krieger war, Häuptling der Pawnees und als er schließlich starb, wickelte man ihn in die weiße Bisonhaut und legte seinen Körper auf ein Holzgestell mit einer Plattform, so wie es der Große Geist verlangte. Denn nicht in der dunklen Erde sollten seine Knochen verrotten, sondern in den Weiten der Prärie und der Himmel sollte über sein Grab wachen.

Das Pferd aber war von da an verschwunden und niemand wusste, wohin es gegangen war, niemand hat es je wiedergesehen!

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